Strandperle, Hamburg, Deutschland

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Es gibt gewisse Tage im Sommer, an denen gibt es in Deutschland keinen schöneren Ort als diesen. Nicht der erste schöne Tag seit langem, sondern der dritte oder vierte einer Reihe von Tagen, an denen sich ein skandinavisches Hochdruckgebiet südwärts verlagert hat und den Nordseehimmel unwahrscheinlich blau und wolkenlos hält. Es sind dies die einzigen Tage in Hamburg, an denen der um sich greifende Cabrio-Wahn zwar nicht verständlich, aber zumindest berechtigt erscheint. Dann ist es Zeit, das Auto zu verlassen und – von der Elbchaussee kommend – die zahlreichen Stufen zur Elbe hinunterzusteigen.

Häufiger wird natürlich noch der Strandweg gewählt. Denn nur auf diesem, etwas beschwerlicheren Weg ist es möglich, die vor kurzem in der Hanseviertelpassage gekaufte Ray Ban Sonnenbrille und den Scotch & Soda Parka nicht nur auf die Wirkung bei sich selbst zu überprüfen, sondern auch an anderen wiederzufinden. Was die Sonnenbrillenfrage angeht, bietet sich mit dem aus Verzweiflung auf der Autobahnraststätte Holmmoor gekauften Ray Berry –Fake eine weitere Alternative. Im Wasser der Elbbuchten, in denen immer wieder die Kinder und Hunde der in die Jahre gekommenen und inzwischen aus schlechtem Gewissen verheirateten Popjournalisten und Werber spielen, dümpeln benutzte Kondome im Wellentakt.

Von weitem schon ist dann durch die nicht UV-geschützten Gläser der Bretterverschlag zu sehen, an dem sich unzählige vertraute Gesichter aus dem Hamburger Nachtleben in der nicht enden wollenden Schlange einreihen. Von der Schlange aus lassen sich beim Warten am besten die ein- und ausfahrenden Fracht- und Fährschiffe anhand der gehissten Flaggen vor tiefblauem Himmel auf Ziel- und Herkunftsland überprüfen. Vor und hinter einem in der Schlange spielen sich jedoch auch interessante Dinge ab. Oft ist es ja so, dass die im Club noch euphorisch geschlossene Freundschaft in genau dieser Schlange ihr müdes Ende finden. Noch vor genau zwei Stunden erschien das Gesicht einer nächtlichen Eroberung unendlich gutaussehend. Das ändert sich dann spätestens bei Tageslicht und einsetzendem Hunger. Man merkt es daran, dass eine gebeugte Gestalt mit aufgerissenen Augen aus der Reihe Treppe hoch Richtung Toilette ausschert und es wieder vorwärts geht.

Wer 7 Euro 50 dabei hat und endlich drankommt kann an der inzwischen erreichten Theke eine Wurst und ein Weißbier kriegen.

Strandperle, Am Schulberg1, Hamburg-Övelgönne

Text: Christian Kracht

 

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Posted: 27. Oktober 2015

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Category: Restaurant, Strand